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Presbyterium Förderverein Kapelle St. Reinoldi Kindertagesstätte Predigten Themen

10 Gebote

 

Vom Gesetzesgehorsam zur inneren Haltung

 

Es ist nahezu unbestritten, dass die Zehn Gebote Regeln aufstellen, die für das Gelingen menschlichen Zusammenlebens wichtig sind. Allerdings: Bei genauem Hinsehen bezieht sich diese Akzeptanz eher auf die sogenannte zweite Tafel der Zehn Gebote. Sie regelt in sechs Geboten das Verhältnis des Menschen zu seinem Mitmenschen.

Die sogenannte erste Tafel der Gebote, die in den ersten vier Geboten das Verhältnis zu Gott regelt, hat es da schon schwerer, von uns Menschen akzeptiert zu werden. Und die Frage steht durchaus im Raum:
„Geht es nicht auch ohne die ersten vier Gebote?“
Oder anders gefragt:
„Gelingt menschliches Zusammensein nicht auch ohne Gott?“
Nicht wenige Menschen sind dieser Überzeugung. Und Vertreter des neuen Atheismus meinen gar, dass gerade der Glaube an Gott der Grund für allerhand Übel in der Welt sei.

Es stimmt in der Tat nachdenklich, dass manche schreckliche Tat in dieser Welt religiös und zuweilen auch angeblich christlich begründet wird.
– Aber hat man da den Gott der Bibel verstanden? Oder vielleicht doch eher missverstanden? Oder ihn gar menschlich egoistisch vor seinen eigenen Karren gespannt?

 

„Wer das erste Knopfloch verfehlt ...“

Von Johann Wolfgang von Goethe stammt ein schönes Zitat, eine echte Alltagsweisheit aus der Welt des Anziehens am frühen Morgen:

„Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande.“

In diesem Sinne lohnt es sich, noch einmal auf die ersten Gebote, insbesondere auf das vollständige erste Gebot zu sehen. Da begegnet uns vor jedem „Du sollst!“ oder „Du sollst nicht!“ die Erinnerung an den Gott, der sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat. Gott ist ein Freund der Freiheit, der seine Menschen nicht von der einen Knute befreit, um sie dann neu zu versklaven, auch nicht durch die Zehn Gebote. Es bleibt dabei: Es wird alles schief bei dieser „Knopfleiste der Gebote“, wenn wir den „ersten Knopf“ nicht „erfasst“ haben: dass es diesem Gott der Bibel nämlich um unsere Freiheit geht.
Die innere Haltung der Liebe
Für viele Menschen ist der Gradmesser gelebten Christseins und Glaubens, ob sie die Zehn Gebote (mehr oder weniger) gehalten haben. Christsein besteht für sie also in der Erfüllung einer gesetzlichen Norm. Da macht es einen stutzig, dass die Bibel bereits im Alten Testament wie dann später besonders prägnant durch Jesus, also im Neuen Testament, die Gebote so zusammenfasst:

„Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand!“

Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Aber gleich wichtig ist ein zweites:

„Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“

In diesen beiden Geboten ist alles zusammengefasst, was das Gesetz und die Propheten fordern. (Matthäus 22,37-40 nach der „Guten Nachricht“).
Da wird plötzlich deutlich, dass es Gott um mehr geht als eine formale Beachtung von Vorschriften. Die Gebote haben als Warnschilder, die den von Gott eröffneten Lebensraum schützen sollen, ihre Berechtigung. Aber letztlich geht es Gott um mehr: Es geht um eine innere Haltung, um die Liebe zu Gott und den Mitmenschen – und auch zu mir selbst. Und es ist sogleich einsichtig: Wer eine Person liebt, der wird sie nicht bestehlen, nicht verleumden, nicht töten ...
Deshalb konnte der Kirchenvater Augustinus wohl auch den kühnen Satz sagen:

„Liebe, und dann tu, was du willst!“

Die innere Haltung der Liebe weist den richtigen Weg. Und diese Liebe ist dann auch der Schlüssel, wenn ein Gebot in strittigen Fällen interpretiert werden muss.

 

Liebe als dankbare Antwort

Wie aber gewinnt ein Mensch diese innere Haltung der Liebe, so dass er nicht laufend erinnert werden muss, was er um Gottes und der Menschen willen nicht soll und nicht darf? Wie gewinnt er die Fähigkeit, das Gute zu tun, ohne laufend durch die Zehn Gebote ermahnt werden zu müssen? Hier kommt wieder das erste Gebot ins Spiel: Vor allen uns auf unseren Lebensweg mitgegeben Geboten begegnet uns Gott als Gott der Liebe und Güte. Am Anfang der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel stehen nicht die Gebote, sondern die Erfahrung der Liebe und Güte, deutlich gemacht in Gottes großer Befreiungstat. Es kann nur alles schief gehen, wenn das Halten der Gebote als menschliche Leistung zum entscheidenden Kennzeichen christlichen Glaubens gemacht wird.
Am Anfang dürfen und sollen Menschen hören, dass sie es mit einem Gott zu tun haben, der sie nicht an dem Halten der Zehn Gebote misst. Er sieht den Menschen nicht mit den Augen eines Gesetzeshüters an, sondern mit dem Blick der liebenden Güte Gottes. Nicht strenge Gebote werden einen Menschen zu einem Menschen mit der inneren Haltung der Liebe machen. Das kann wohl nur eine Liebe, die einen Menschen absolut meint – losgelöst von dem, was er leistet. Denn nicht um Leistung geht es, sondern um Liebe als gelebte Dankbarkeit. (So verortet der Heidelberger Katechismus übrigens die Zehn Gebote. Sie stehen dort unter der Hauptüberschrift: „Von der Dankbarkeit“.)

 

Haben die Zehn Gebote dann überhaupt noch Bedeutung?

Wir bleiben auch in unserem Glauben verführbare, irrende und uns zuweilen verirrende Menschen. Wo wir versuchen, uns selbst mit unserem Tun zu rechtfertigen, da werden wir uns an den Geboten stoßen. Gott sei Dank! Die Zehn Gebote mit ihrer prägnanten Sprache wollen helfen, klare Orientierung zu bewahren. Sie sind dann immer noch das, was sie immer schon sein wollten: ein weiser Schutz menschlichen Lebensraums.

 

Hans Wilhelm Ermen

 
    © Ev. Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath 2017