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Sieben Wochen anders leben

©S.Hofschlaeger@pixelio.de

Sieben Wochen anders leben - Fasten in der Passionszeit

Fasten, auf etwas verzichten – das steht heutzutage nicht gerade hoch im Kurs. Es sei denn, man möchte sein Gewicht reduzieren. Viele, nicht nur junge Menschen wollen lieber alles mitnehmen, was nur möglich ist – auch auf Kosten anderer – und genießen, so viel nur geht.

Andererseits merken wir immer mehr, dass wir so, wie wir leben, nicht weitermachen können. So vieles gerät
in Schieflage, nicht nur unser Klima und der Euro. Auch viele unserer menschlichen Beziehungen und die
globalen Verhältnisse sind im Ungleichgewicht. Eine Rückbesinnung auf (traditionelle) Werte ist nötig.
Und da kann auch das Fasten, das Verzichten, wieder wichtig werden, weil es auf grundsätzliche Fragen hinweist:

  • Was brauche ich wirklich zum Leben?
  • Wie gehe ich mit mir selbst um?
  • Wie viel Zeit nehme ich mir für andere?
  • Welche Rolle hat Gott in meinem Leben?


Jedes Jahr in der Passionszeit, die von Aschermittwoch bis Ostersonntag geht, rufen die christlichen Kirchen
zum Fasten auf und bieten Aktionen an, um allein oder gemeinsam mit anderen sein Leben sieben Wochen lang anders zu gestalten.
Schon seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. gibt es diese 40-tägige Besinnungszeit, in der sich Menschen innerlich und äußerlich auf Karfreitag und Ostern vorbereiten. Das erinnert an die 40 Tage, die Jesus nach seiner Taufe in der Wüste war und fastend, also auf Essen verzichtend, nach seinem Weg mit Gott gesucht hat (Mt.4,2).
Fasten ist keine fromme Leistung, sondern kann eine Möglichkeit sein, Gott nahe zu kommen und sich auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren.
Das Fasten fragt leise und beharrlich nach einem Leben, das mit Gott zu tun hat und das Gott gefällt.
In der Passionszeit, die ja eine Zeit der Vorbereitung und Einkehr ist, kann Fasten die Besinnung auf das Leiden und den Tod Jesu unterstützen. Deshalb ist das Fasten eine persönliche Entscheidung.
Man kann es niemandem befehlen.

Aber man kann dazu einladen!
Haben Sie schon einmal bei einer Fastenaktion mitgemacht? Sie können dabei selbst entscheiden, worauf Sie in der Zeit von Aschermittwoch bis Ostersonntag verzichten wollen oder wie Sie anders leben wollen.
Wer fastet, macht oft ganz neue Entdeckungen und gerät ins Staunen über sich selbst: Wie schwer es mir doch fällt, sieben Wochen allen Süßigkeiten oder Chips zu entsagen! Wie oft ich an ein Glas Rotwein oder Bier denke, wenn ich mir vorgenommen habe, auf Alkohol zu verzichten!

Welchen Freiraum und wie viel freie Zeit es mir bringt, wenn der Fernseher, der Computer oder das Handy zu
bestimmten Zeiten ausgeschaltet sind! Und wie es mich aufbaut und Gott näher bringt, wenn ich jeden Tag einen Psalm oder die Losungen lese oder am Abend einDankgebet spreche!

Durch das Fasten können wir die Abhängigkeiten kennenlernen, die uns in unserer Beziehung zu Gott hindern. „Woran du nun dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott“, stellte schon Martin Luther fest.
Zugleich gewinnen wir Freiräume für andere Dinge. Wir leben bewusster und intensiver, weil wir merken, was uns wirklich wichtig ist.

Und noch etwas kann uns das Fasten ermöglichen:
Es kann uns Jesus und seiner Passion näher bringen.
Unser kleiner Verzicht, unter dem wir manchmal durchaus leiden können und der uns auch schwer fallen mag, gibt uns eine Ahnung davon, wie groß und wie schwer der Weg des Leidens und der Entsagung war, den Jesus für uns gegangen ist.
Und das freiwillig und aus reiner Liebe!

Ich wünsche Ihnen viele gute und vielleicht sogar überraschende Erfahrungen, wenn Sie sich auf das Fasten, auf sieben Wochen anders leben einlassen, und Gottes Segen für die kommende Passionszeit!

Birgit Hengel

©sassi@pixelio.de

Fasten und Schweigen in einer Kommunität

Seit elf Jahren fahre ich fast jedes Jahr in die ökumenische Kommunität Gnadenthal bei Limburg, um dort ein verlängertes Wochenende im Schweigen zu erleben. Zwei dieser Auszeiten waren ganze Fastenwochen, mit den mir bereits vertrauten Gebetszeiten – aber anstelle der üblichen Mahlzeiten kommt die fastende Gruppe zu einer Fastenverpflegung am Esstisch zusammen. Schweigend genießen wir die köstliche, frisch zubereitete Gemüsebrühe. Dazu stehen kalte Obst- und Gemüsesäfte, Wasser und Tee bereit. Den ganzen Tag über muss viel getrunken werden, manchmal muss ich richtig gegen den Hunger antrinken.
Frühmorgens um viertel nach sieben gehe ich zum Frühgottesdienst mit Abendmahl. Eine Hostie und ein Schluck Wein können sehr energiespendend sein – einfach herrlich.

Wie geht Fasten?
Eine Woche vor Fastenbeginn fange ich an, Koffein und Tein zu entziehen. Andernfalls gehe ich mit deprimierenden Kopfschmerzen in diese kostbare Zeit, was mir leider auch schon einmal passiert ist.
Kurz vor der Abfahrt stelle ich meine Ernährung um, am Tag davor esse ich nur noch Obst. 
In der Kommunität angekommen, werde ich hineingenommen in die Fastengemeinschaft einer kleinen Gruppe. Unter der Leitung einer Schwester und eines erfahrenen Fastenbegleiters stellen sich alle Teilnehmenden einander kurz vor, bevor die Schweigezeit beginnt. Praktische Hinweise zur Gestaltung der Fastenzeit helfen beim Einleben. Viel trinken, regelmäßige Bewegung, Zeit für Schlaf und Ruhe und natürlich das Abführen helfen, mit dem Nahrungsverzicht klarzukommen. Feste Gebetszeiten, tägliche geistliche Impulse und persönliche Zeiten der Stille, des Gebetes und der Meditation strukturieren den Tag und bewahren mich davor, in ein tiefes Loch zu fallen.
Ich nehme mir die Freiheit, eigentlich existenziell notwendige Dinge wie das Essen wegzulassen. Trotzdem kreisen die Gedanken anfangs oft um die nächste Gemüsebrühe. Das Abführen hilft, den Hunger zu vergessen, auch wenn es scheußlich ist: Ich fühle mich geschwächt und weiß nicht, wann ich die nächste Toilette brauche. Was ich aber liebe, ist der tägliche Waldlauf – fast eine sportliche Herausforderung.
 
Entschleunigung und Zwiegespräch
Egal, ob ich nur zum Schweigen oder auch zum Fasten unterwegs bin: Es ist immer eine besondere Zeit. Ich darf aussteigen aus meinem normalen Leben und einsteigen in eine Zeit der Verlangsamung, der Entschleunigung meines Lebenstempos. Unter normalen Umständen macht mich das Fasten aggressiv, jetzt aber tauche ich ein in Stille und Gelassenheit. Ich erlebe mich in einer größeren Abhängigkeit von Gott, und gleichzeitig werde ich genau dadurch unabhängiger von allem, was sonst wichtig zu sein scheint. Es ist wie ein ständiges Zwiegespräch mit meinem Schöpfer-Gott, Lebens-Geist und Begleit-Freund. Manchmal hat es einen heilsamen, therapeutischen Charakter.                                              
Das ist nicht immer sehr gemütlich, weil natürlich auch schwere Gedanken und Gefühle auftauchen, wahrgenommen und irgendwie „verdaut“ werden müssen.  
In jedem Fall aber sind die positiven Wirkungen und Nebenwirkungen anschließend auch zu Hause im Alltag spürbar.

Veränderter Blick
Auch in diesem neuen Jahr will ich gerne fasten und schweigen. Ich will Abstand gewinnen von der Alltagsgeschäftigkeit. Ich erlaube mir, zur Besinnung zu kommen. Der Blick auf mich und mein Leben wird in der tieferen Begegnung mit Gott erneuert.
Ich bin gespannt, wie dadurch auch mein Blick auf die Welt verändert wird.

Christiane Becker-Lehnick

 
    © Ev. Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath 2017