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Presbyterium Förderverein Kapelle St. Reinoldi Kindertagesstätte Predigten Themen

Soviel du brauchst

„Nehmt, soviel ihr zum Essen braucht“

(nach 2. Mose 16,1–26)

Diese Aufforderung ist einer alten biblischen Geschichte entnommen. Das Volk Israel ist nach der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten auf dem Weg ins von Gott verheißene „gelobte Land“. Gerade durchziehen sie die Wüste. „Viel Steine gab‘s und wenig Brot ...“

Freiheit – und leere Mägen
Es ist fatal: Die Wanderer erleben die ersehnte und von Gott erbetene Freiheit – aber was nutzt die Freiheit, wenn der Magen knurrt? Nicht wenige, wenn nicht gar die überwiegende Mehrheit des Volkes Israel meutert: „Wären wir doch in Ägypten geblieben!“ Sie sehnen sich nach den alten (Sklaven-)Verhältnissen – wegen der gesicherten Versorgung.

Gottes Fürsorge ist „all inclusive“
Aber dann erlebt das Volk Israel die Fürsorge Gottes. Gott sieht den ganzen Menschen, auch das, was sein Körper braucht, eben Nahrung. Die biblische Geschichte berichtet, wie Gott auf wunderbare Weise für Nahrung sorgt: Er schenkt das sogenannte Manna am Morgen, das für den Tag reicht. Der Reiseproviant für den jeweils aktuellen Tag ist gesichert. Der Anführer der Israeliten gibt die Aufforderung an sein Volk weiter: „Nehmt, soviel ihr (heute) zum Essen braucht!“ Die Israeliten nehmen – und es reicht für alle. Jeder hat die Freiheit, sich für den jeweiligen Tag mit dem einzudecken, was er zu brauchen meint. Da wird nicht rationiert, da teilt Mose keine Lebensmittelkarten aus. Das Einsammeln überlässt er dem Ermessen jedes Einzelnen. Nehmt, soviel ihr zum Essen braucht. Und alle werden satt.

Gegen eine egoistische Lebensweise
Was uns hier begegnet, ist das Prinzip des „Unser täglich Brot“, das uns ja auch als Bitte im Vaterunser begegnet. Diese Bitte weiß um Gottes Fürsorge für den Menschen – aber Achtung: Sie weiß auch darum, dass ich mit dieser Bitte hineingestellt bin in eine menschliche Gemeinschaft. Es geht nicht nur um „mein“, sondern um „unser“ Brot. Das, was Gott reichlich gibt, soll und kann für alle reichen.
Die biblische Geschichte weist nun aber auf eine Gefährdung hin: dass Menschen offensichtlich der Fürsorge Gottes für den nächsten Tag misstrauen. Und so wird „gebunkert“ für mögliche schlechtere Zeiten. Doch Israel muss die Erfahrung machen, dass die Ration, die man bunkern wollte, verdirbt.
Gottes Weisung heißt: „Gott sorgt für dich, es ist so viel da, wie du brauchst!“ – aber auch: „Gebrauche nur so viel, wie da ist!“

„Soviel du brauchst“
So lautete das Motto des diesjährigen 34. Evangelischen Kirchentages in Hamburg. Er findet statt, während ich gerade diese Zeilen schreibe. In diesem Motto, das eben jener biblischen Geschichte aus dem 2. Buch Mose entnommen ist, entdecke ich den Zuspruch, die Ermutigung und den Anspruch Gottes, die bis heute gelten:
Sein Zuspruch: Gott will für uns Menschen sorgen. Er gibt, was wir zum Leben brauchen – und das umfasst mehr als nur Essen und Trinken – und schon gar mehr als nur „Wasser und Brot“. Wir dürfen seine guten Gaben genießen.
Seine Ermutigung: Wir sollen nicht in einer gottlosen Ängstlichkeit verharren, die meint, wir müssten für uns selber sorgen und unser Leben absichern, indem wir raffgierig einen Vorrat für unser Leben sammeln, von dem wir uns persönliche Sicherheit und Seelenfrieden erhoffen. Das Gegenteil ist der Fall.
Sein Anspruch: Wir sollen entdecken, dass wir in einer großen menschlichen Gemeinschaft unterwegs sind auf dem Weg durch die Zeit. Wir dürfen von den Gaben Gottes in Anspruch nehmen, was wir zum Leben brauchen – wobei das aus Gottes Perspektive ganz anders aussehen kann als aus unserer. Während wir selbst nehmen, tragen wir Verantwortung dafür, dass unser Tun dem Nächsten nicht nimmt oder vorenthält, was er zum Leben braucht.
Ein jeder von uns hat für sein Teil Sorge dafür zu tragen, dass jeder Mensch bekommt, was er (wirklich) zum Leben braucht.

Wer leben will, der darf sich aus der Fülle der guten Gaben Gottes bedienen. Wer aber wirklich leben will, der wird nie aus dem Blick verlieren dürfen, dass es gutes Leben nie gibt ohne verantwortliches Miteinander der menschlichen Gemeinschaft – auch weltweit über jeden zu engen Horizont hinaus.

Pfarrer Hans Wilhelm Ermen

Der Titel dieses Gemeindebriefs war auch das Motto des diesjährigen Kirchentags, der vom 1. bis 5. Mai 2013 in Hamburg stattfand:

Soviel du brauchst

Ich gestehe: Das ist ein zunächst etwas rätsel­haftes Motto. Eines, das Fragen aufwirft und möglicherweise auch Ratlosigkeit hinterlässt.

Was braucht denn ein Mensch?
Braucht jeder Mensch dasselbe?
Heißt das: Nimm so viel du willst?
Wo finden wir den Schlüssel zum Verstehen?

Ein fürsorglicher Gott
Dieses Motto hat einen wichtigen Verständnishintergrund. Der Satz „Soviel du brauchst“ leitet sich aus einer biblischen Geschichte des Al­ten Testaments ab. (Sie wird in diesem Gemein­debrief in der Andacht auf Seite 3 bedacht). Die­se Geschichte beschreibt einen Gott, der für­sorglich für sein Volk sorgt, das er aus der Skla­verei befreit hat.
Das Wort Gottes als Ganzes bezeugt: Wir haben es mit einem Gott zu tun, der diese Welt liebt und der will, dass jeder Mensch zu seiner Verfü­gung hat, was er (wirklich) zum Leben braucht. Dahinter steckt die Grundüberzeugung: Es ist genug für alle da. Soviel wie ein Mensch zum Leben braucht. Gott ist ein fürsorglicher Gott, der will, dass es seinen Menschen gut geht. Es ist offensichtlich keine Frage des Angebots, son­dern ... – und da fangen die Probleme an.

Ein reichhaltiges Angebot
Zunächst muss die Frage gestellt werden: Was hat denn der fürsorgliche Gott im Angebot? Wie konkretisiert sich seine Fürsorge? Da richtet sich unser Augenmerk zunächst auf das, was ein Mensch nach unserem Verständnis vordringlich braucht: Nahrung für den Magen, Lebensmittel. Keiner soll hungern und schon gar nicht verhun­gern.

Der Mensch braucht Brot. Aber: Er lebt nicht vom Brot allein. Deshalb ist es gut, wenn wir Gottes „erweitertes Angebot“ entdecken, das ein Mensch zum Leben braucht: Friede, Freude, Freiheit und einen tragenden Sinn fürs Leben. Und auch eine Ordnung, seine Gebote, gibt Gott. Sie sollen menschliches Miteinander regeln – eben damit jeder Mensch bekommt, was er braucht.

Eine unübersehbare Not
Das Motto „Soviel du brauchst“ prallt allerdings auf eine bittere Realität: Es gibt auf dieser Erde eine nicht zu übersehende Zahl von Menschen, die nicht haben, was sie zum Leben brauchen. Es beginnt mit der bitteren Erkenntnis, dass Hunger und Verhungern auf dieser Welt keine Ausnahme sind. Es findet seine Fortset­zung in der Wahrnehmung, dass es Menschen mit vollen Mägen, aber mit lebensbedrohlichem Mangel an Freude und Frieden gibt.

Nicht zur Tagesordnung übergehen
Das Motto des Kirchentags „Soviel du brauchst“ ist eine Art „Stachel im Fleisch“ im Leben von Kirche und Gesellschaft, der verhindern möchte, dass wir mit der Feststellung, dass „es eben ist, wie es ist“, zur Tagesordnung übergehen. Es legt den Finger in so manche Wunden, die ihre Ursache haben in einem menschlichem Egois­mus und menschlichem Versagen, der Gottes Fürsorge für die Welt geradezu „aushebelt“ und Menschen vorenthält, was sie zum Leben brau­chen.

Einige konkrete Stachel im Fleisch
Wer Augen und Ohren offen hält und nicht wegsieht oder weghört, dem begegnen diese skandalösen Nachrichten: Menschen wird in die­ser Welt zu oft etwas Elementares vorenthalten, was sie zum Leben brauchen. Das ist nicht hin­nehmbar, das ist ein Skandal!

Es ist ein Skandal:
wenn durch Spekulation mit Lebensmitteln die Ärmsten hungern müssen. Durch Wetten auf die Preisentwicklung von Agrar-Rohstof­fen wie Mais oder Weizen treiben Invest­mentbanken die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe. Sie sind damit mitschuldig an der Hungerkrise der Welt.
wenn die Gier nach Geld Menschen dazu ver­leitet, sich durch Steuerhinterziehung ihrer Verantwortung für die Gesellschaft zu entzie­hen – und wenn dadurch dieses Geld für Din­ge fehlt, die Menschen zum Leben brauchen: zum Beispiel Pfleger mit Zeit für menschli­che Zuwendung in Altenheimen. Ein Mensch braucht mehr als Essen und Waschen.
wenn im Blick auf unseren Schokoladenkon­sum zur Kenntnis genommen werden muss, dass es „schmutzige Schokolade“ gibt: weil auf den Kakaoplantagen in Westafrika Kin­derarbeit und Kindersklaverei keine Seltenheit sind und von der westlichen Schokoladenin­dustrie – um des Profits willen – geduldet werden. Das brauchen Kinder wirklich nicht! Kinder müssen Kinder sein dürfen!
wenn ein Großteil der Kleidung, die wir Deut­schen kaufen, mittlerweile aus Billiglohnlän­dern stammt. Dabei ist es egal, ob wir Schnäppchenware oder Luxusmarken wäh­len. Die Textilien werden häufig unter katast­rophalen Arbeitsbedingungen und zu Hun­gerlöhnen hergestellt – und in Gebäuden in katastrophalem Zustand. (Die Bilder der eingestürzten Textilfabrik in Bangladesch mit über 1.000  Toten sind vor Augen.)
wenn wir es zulassen, dass in unserem Land Löhne gezahlt werden dürfen, von denen ein Mensch trotz einer Vollbeschäftigung nicht leben kann.
wenn wir schweigen, wenn auch bei uns egoistische Interessen vor Gemeinwohl ge­hen.
wenn ...

Und das Erschreckende ist: Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich nicht auch selber ir­gendwo in diese Dinge verstrickt bin, weil ich doch hier und da (gerne) davon profitiere, dass etwas billig ist. Aber: Ein anderer zahlt den Preis, weil da ein Mensch eben nicht bekommt, was er zum Leben braucht – keine preiswerte Nahrung, keinen ausreichenden Lohn, keine si­chere oder umweltverträgliche Arbeitsstätte, wohl auch keinen Freiraum zum Genießen des Lebens. Was tun?

Es braucht ein Zeichen und eine Stimme
Moralisieren ist fehl am Platz! Auf andere zeigen erst recht! Es gibt wohl auch keine Patentant­worten auf alle Fragen.
Aber wir sind – um Gottes guten Willen für diese Welt – dazu aufgefordert, unsere von ihm auf­getragene Verantwortung für unser Reden und Handeln wahrzunehmen, damit nicht alles beim Alten bleibt. Auch der „berühmte Tropfen auf den heißen Stein“ kann der Anfang eines Re­gens sein.

Wie soll sich etwas ändern in der Welt, wenn ich nicht bereit bin, dass sich bei mir etwas ändert? Wie soll sich etwas ändern in die­ser Welt, wenn sich nicht Stimmen für die erhe­ben, die sonst keine Stimme haben?

Deshalb dürfen solche Fragen wie „solidarische Gemeinschaft“, „fairer Handel“ und „ökologisch verantwortliches Handeln“ keine Randthemen eines gelebten christlichen Glaubens sein. Denn es geht darum, dass möglich wird, was Gott im Blick auf seine Menschen will:
Dass ein Mensch zum Leben so viel bekommt wie er (wirklich) braucht.

Hans Wilhelm Ermen

 
    © Ev. Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath 2017