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... und wer sieht mich?

Everybody needs somebody

Andacht zu Prediger 4,12:
Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.


Woran merkt man, dass man älter wird? Daran, dass man das Titelthema mit einen Film verbindet. Woran, dass man alt ist? Daran, dass man mehr als zwei Coverversionen des Liedes kennt, das Original auf Vinyl besitzt und die Rolling Stones-Version zu neumodisch findet. Manche Lieder sind genau wie ihre Themen nicht totzukriegen. Beziehung ist so ein Thema, das zum Menschsein dazugehört und immer Thema sein wird.

Im Bauplan vorgesehen

Dass wir für Beziehungen „wie geschaffen“ sind, erkennt man leicht, wenn es auf diesem Gebiet in die Hose geht. Kinder, denen Liebe und Beziehung in den ersten Lebensmonaten verweigert wird, tragen an den Folgen meist ein Leben lang. Psychische Krankheiten sind in vielen Fällen Folge wie oft auch Ursache von und für gesellschaftliche Isolation. Kaum etwas saugt so viel Energie aus einem heraus wie ein heftiger Streit mit einem Menschen, den man liebt.

Unser „Konstrukteur“ hat anscheinend tief in unserem Bauplan die Notwendigkeit von Beziehung eingebaut. So zieht sich das Thema Beziehung durch die ganze Bibel, von der Schöpfung („Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“) bis hin zum beziehungsrettenden Geschehen am Kreuz. Und das auf vielen Ebenen: Wir alle brauchen Liebesbeziehung, Gottesbeziehung, Beziehung zu uns selbst, zu Freunden und Fremden. Anscheinend ist dieses Thema so wichtig, dass Gott einen Masterplan als rettende Gegenmaßnahme für das Scheitern von Beziehung entwirft. Jesus erträgt an unserer Stelle die ultimative Steigerung der Einsamkeit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“


Somebody beflügelt

Ich mache die Erfahrung, dass schlimme Situationen ihren Gruselfaktor verlieren, wenn Leute da sind, die sie mittragen. Da ist selbst ein Schicksalsschlag einfacher zu bewältigen als eine „eigentlich“ gute Situation, in der man aber allein gelassen wird und sich wie ein Einzelkämpfer vorkommt. Es beflügelt, wenn Menschen aus der Gemeinde mich in schweren Momenten besuchen, obwohl sie mich kaum kennen. Es beflügelt, wenn Freunde Gebet organisieren, mich ablenken, zum Lachen bringen, mir ein Bett zur Verfügung stellen, ein Wochenende zur Erholung schenken oder gemeinsam die Stille ertragen. Essen, ein gemeinsamer Espresso, eine Karte … es gibt viele kleine und einfache Dinge, die sagen: „Ich bin da.“ Es beflügelt, Treue von Eltern, vom Partner und von Freunden zu erfahren!

Ich verbringe momentan viel Zeit im Krankenhaus und am liebsten bin ich dort, wo schwerkranke Personen behandelt werden. Einerseits liegt es an dem Personal, das sehr bewusst in Beziehung zu anderen Menschen tritt, andererseits liegt es an den Kranken, die mich trotz ihrer Situation nicht übersehen. Oft denke ich deshalb: „Hier kann ich was lernen.“


Beziehung entscheidet

Die Beziehung zu Gott und zu Menschen entscheidet, weil sie Hoffnung gibt. Und wenn man neueren Forschungen Glauben schenkt, mobilisiert Hoffnung nicht nur die Seele, sondern sogar den Körper. Medizin, die von innen kommt – wie praktisch! Aber Beziehung zu leben bedarf einer Entscheidung. Im Normalfall sind Treue, die Wahrnehmung anderer und wertvolle Gesten nichts, was sich von selbst ergibt. Sie müssen gewollt werden, denn es gibt Hürden und Herausforderungen, denen man sich im Alltag stellen muss.

Wer knüpft die Schnur? Warten Sie weder damit, was Ihre Beziehung zu Menschen, noch die zu Gott angeht. Wenn Ihnen eine kleine Geste einfällt, die jemandem sagt: „Du bist nicht allein“, wenn sie schon immer mal Krankenbesuche machen wollten oder Ihnen eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft am Herzen liegt, wenn Sie mal wieder beten wollten – warten Sie nicht! Man braucht Sie, und Sie brauchen andere.
 

Tobias Wagner

Everybody needs somebody

 

... und wer sieht mich?

 

Haben wir nicht alle schon erlebt, dass uns andere das Gefühl gegeben haben: Du gehörst nicht dazu? In der Schule oder im Sportverein, vielleicht an unserer Arbeitsstelle oder auch in der Gemeinde Rupelrath. Immer wieder empfinden Menschen das so: Ich komme hier nicht richtig rein. Eigentlich merkt keiner, dass ich da bin.

Das Gefühl, nicht dazuzugehören, ist ein Gefühl, das uns im Innersten trifft. Wir sind soziale Wesen und brauchen es, dass ein anderer Mensch uns wahrnimmt. Aber wir leben in einer Kultur, in der es nicht mehr üblich ist, aufeinander zu achten. Jeder hat sein eigenes Leben im Blick, die eigenen Probleme, die Frage: Was bringt mir das? Wir versuchen das Maximum für uns selbst herauszuholen. Dabei entgeht uns, wie sehr andere unsere Aufmerksamkeit brauchen.

Jesus hat anders gelebt. Jesus war nicht auf sich konzentriert, sondern auf die Menschen um ihn herum.
Er hatte einen Blick für die, die von anderen übersehen wurden. Jesus wandte sich diesen Menschen und uns unbedingt zu. Er nahm sich Zeit – und er nimmt sich Zeit, heute wie damals.

Einmal saß Jesus am Tempel und schaute sich an, wie die Gläubigen spendeten. Reiche Bürger gaben viel. Dann kam eine Witwe, die kaum Geld hatte. Sie gab, was sie noch hatte. Jesus freute sich so über diese Frau, dass er seine Jünger zusammenrief und sie lobte. Vielleicht hatte niemand sonst sie wahrgenommen. Aber Jesus sah sie mit seinem wachen, liebevollen Blick. (Lukas 21,1ff)

Ein andermal war da ein Zöllner, der gemeinsame Sache mit den römischen Besatzern machte. Dafür wurde er von den Leuten verachtet. Jesus traf ihn, sah in sein Herz hinein und sagte die Worte, die sein Leben veränderten: „Folge mir nach!“ Der Zöllner tat es. Für ihn begann ein neues Leben. Hätte Jesus ihn nicht gesehen – was wäre aus seinem Leben geworden? (Lukas 5,27ff)

Es gibt Situationen im Leben, in denen wir das Gefühl haben: Es ist niemand da, der mich sieht. Das sind vor allem die schweren Zeiten, in denen Krankheit und Tod in unser Leben hineingreifen. Wenn wir uns selbst verlieren und keiner mehr wirklich zu uns durchdringt – sind wir dann auch von Gott verlassen? Das sind die Situationen, in denen wir gewiss sein sollten, dass unser Leben von Gott als so wertvoll angesehen wird, dass Jesu liebevoller Blick uns immer wahrnimmt und uns sagt: „Ich bin da. Ich verlasse dich nicht.“ Die Beziehung zu Menschen ist wichtig für uns. Aber die Beziehung zu Jesus ist es, die trägt, auch da, wo Menschen uns nicht tragen können. Er ist der, der uns sieht, wenn kein anderer uns sieht.

Das darf für uns natürlich nicht Anlass sein zu sagen: „Wenn Jesus da ist, muss ich es ja nicht sein!“ Im Gegenteil: Jesus möchte uns mit zu den Menschen nehmen.
Er will uns anstecken mit seiner Freude daran, für Menschen da zu sein. Er will einen Gegentrend setzen zum „Jeder sorgt zuerst für sich!“ Bei Jesus gilt: Nicht ich stehe im Mittelpunkt.

Im Römerbrief fordert der Apostel Paulus die Menschen der Gemeinde auf, so miteinander zu leben.
 (Römer 12,9–16 in Auszügen nach der Basisbibel)

Eure Liebe soll aufrichtig sein.
Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern.
Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung.
Macht euch die Gastfreundschaft zur Aufgabe.
Freut euch mit den Fröhlichen.
Weint mit den Weinenden.
Werdet nicht überheblich,
sondern lasst euch auf die Unbedeutenden ein.
Baut nicht auf eure eigene Klugheit.

Selbst Paulus ermahnt schon. Eine zugewandte Haltung war also auch damals nicht selbstverständlich. Aber für Paulus war klar: Wer zu Christus gehört, ist aufgefordert, die Lebenshaltung Jesu zu seiner eigenen zu machen. Und er macht es konkret:  

Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden.

Da geht es nicht um uns selbst, sondern es geht darum, uns klar zu machen: Nehmen wir uns gegenseitig wahr – auch hier in der Gemeinde? Nicht alle sind sofort im Gespräch. Oft ist es doch so, dass jemand nach Hause geht und das Gefühl hat: Es hat mich keiner gesehen. Und was ist mit dem Freund, von dem ich schon so lange nichts gehört habe? Geht es ihm gut oder nicht? Warum nicht den Hörer in die Hand nehmen und ihn anrufen? Was ist mit der Nachbarin, die ihren Mann vor Monaten verloren hat? Alle sind wieder zum Alltag übergegangen. Wer fragt, wie es ihr geht? Jesus fordert uns auf, mit seinen liebenden Augen auf die Menschen um uns herum zu sehen. Und Taten folgen zu lassen.

Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung.

Jesu Lebenshaltung ist nicht, Menschen zu kritisieren, sondern sie wertzuschätzen. Jeder von uns trägt eine Erinnerung an ein besonderes Lob, eine Anerkennung, ein Kompliment als kostbaren Schatz im Herzen. Es tut gut, anerkannt zu werden. Jesus ruft uns auf, wertschätzend zu leben, das Gute am anderen wahrzunehmen und das auch auszusprechen. Wer das tut, der schenkt diesem Menschen einen kleinen Einblick in Gottes Herz. Denn so denkt und fühlt Gott über uns.

Werdet nicht überheblich, sondern lasst euch auf die Unbedeutenden ein. Baut nicht auf eure eigene Klugheit.

Wir kategorisieren Menschen nach wichtig und weniger wichtig, bedeutend und unbedeutend, klug und weniger klug, cool und uncool, in und out, wobei wir selbst uns meist eher am oberen Rand unserer Bewertungsskala befinden. Paulus sagt: Werdet nicht überheblich! Jesus schätzt jeden Menschen als gleichermaßen wertvoll ein – und wir haben das nicht nötig? Vor Gott gibt es nicht reich, cool, bedeutend, diese Kategorien zählen nicht, sie sind menschlich, nicht göttlich. Seht jeden Menschen so an, wie Jesus es tut. Mit Anerkennung, weil er oder sie Gottes geliebtes Kind ist.

Das ist nicht leicht, weil es hier um eine Einstellungssache, eine Lebenshaltung geht. In unseren Köpfen und Herzen muss sich etwas verändern – aber wie?
Es ändert sich nur dann etwas, in unserer Gemeinde, in unserem privaten und beruflichen Umfeld, letztlich in unserer Gesellschaft, wenn Menschen damit beginnen, es anders zu machen. Den Worten Taten folgen lassen. Reden allein hilft nicht. Wir müssen es trainieren, aufmerksamer zu sein. Nur so kann es Teil unseres Wesens werden, wie es ein Teil des Wesens Jesu ist.

Wenn jeder von uns ab morgen fünf Menschen in seinem Umfeld aufmerksamer begegnet – das wäre doch möglich! Nicht einer ist für alle verantwortlich. Wir müssen nicht die ganze Welt retten. Aber mit fünf Menschen anfangen, aufmerksamer zu sein. Und Taten folgen lassen.

Petra Schelkes

 
    © Ev. Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath 2017