Rupelrath on tour: Waldspaziergang Hambacher Wald

 

Ein tiefer Einblick in den Hambacher Tagebau

Am Samstag, den 16. Oktober 2021, haben wir mit einer bunt gemischten Gruppe von etwa 50 Personen aus unserer Gemeinde und einigen Gästen, darunter etliche Kinder und auch Hunde, an einem Waldspaziergang mit Exkursion im Hambacher Wald teilgenommen.

Unser Treffpunkt morgens um 10.00 Uhr war der Aussichtspunkt Terra Nova am Nordrand des Braunkohle Tagebaus Hambach. Dort wurden wir von Michael Zobel, einem Naturführer und Waldpädagogen aus Aachen empfangen, der seit 20 Jahren regelmäßig in Wald und Natur unterwegs ist und so auch stets die Entwicklungen rund um den Hambacher Wald hautnah verfolgt. Er sieht seine Aufgabe darin, Bilder zu vermitteln und Geschichten zu erzählen, damit wir Besucher sensibilisiert werden und letztendlich genauer hinschauen.

Von hier erhielten wir einen ersten Einblick in die riesige Mulde (ca. 16 km lang und 10 km breit, ungefähr die Ausmaße der Stadt Solingen, dazu 500 m tief), die infolge der seit den 1970er Jahren erfolgten Rodungen durch den jetzigen Energieversorger RWE zur Erweiterung seines Hambacher Braunkohle Tagebaus entstanden ist. Der Hambacher Wald, auch bekannt als Hambacher Forst, auf alten Karten verzeichnet als Bürgewald, bestand ursprünglich aus mehreren Einzelwäldern und gehörte vor seiner Rodung zu den größten Mischwäldern Mitteleuropas. Im Jahre 1978 kaufte RWE den umliegenden Gemeinden ihre Anteile am Bürgewald ab und begann umgehend mit den Rodungen für den geplanten Braunkohle-Tagebau. Am 16. Oktober 1978 nahm der erste Bagger seine Arbeit auf und gut fünf Jahre später, am 17. Januar 1984 wurde die erste Braunkohle gefördert.

Aktuell sieht man noch sieben Schaufelbagger dort arbeiten. Deren Ausmaße sind gigantisch: mit einer Höhe von etwa 100 Metern und einer Reichweite von 200 Metern wirken die LKWs und Bauwagen wie Ameisen. Das eigentliche Ziel, die Braunkohle, lagert in Flözen (Schichten), ungefähr 450 Meter tief unter Kies, Sand und Ton. Sie wird dann auf Förderbändern, die inzwischen eine Länge von 100 km aufweisen, zu den umliegenden Kraftwerken transportiert und dort verstromt. 

Abgebaggerte Orte, entwidmete Kirchen

Das nächste Ziel war der vom Abbau unmittelbar betroffene Ort Manheim. Auf der Grundlage des Bergrechts, das den Beitrag der Braunkohle zur sicheren Stromversorgung über das Recht auf Eigentum der Grundbesitzer stellt, sind Enteignungen gegen entsprechende Entschädigungen möglich. Hier haben ursprünglich ca. 700 Familien gelebt, jetzt sind es noch etwa 30 Personen. Im Jahre 2012 haben die Umsiedlungen begonnen, heute stehen nur noch wenige bewohnte Gebäude dort. Von einzelnen abgerissenen Häusern sind noch die Fragmente zu sehen, ein trauriges Bild. Die imposante Kirche ist inzwischen entwidmet, doch die Glocken sollen in der neuen Kapelle im Umsiedlungsort Manheim-neu wieder läuten.

Die Kohle unter dem alten Manheim wird inzwischen nicht mehr benötigt, doch nach den Plänen von RWE sollen Sand und Kies, die sich unter der Stadt befinden, an anderen Orten für die Stabilisierung von Seeböschungen sorgen. Die Umsiedlung wird voraussichtlich im Jahr 2022 abgeschlossen sein, für die noch dort wohnenden Menschen eine große emotionale Belastung. Einerseits war und ist RWE für viele Familien Arbeitgeber, andererseits geht es um den Verlust von Heimat. Dazu kommt die Lärmbelästigung, verursacht durch den ständigen Verkehr von LKWs und Baggern und die Tatsache, dass kein öffentliches Leben mehr stattfindet. Etliche Einwohner haben ihre Heimat verlassen, weil sie den inneren Zwiespalt zwischen Hoffen und Bangen nicht weiter ertragen konnten.

Im Wald unterwegs

Anschließend begann der eigentliche Waldspaziergang. Von dem ursprünglich 5.500 Hektar großen Wald stehen heute noch etwa 500 Hektar. Dieser Teil ist seit 2012 mehrfach von Umweltaktivisten besetzt worden, um gegen eine komplette Rodung zu protestieren. Am 12. September 2018 ordnete das Land NRW eine Räumung der Baumhäuser an, die mittels eines großen Polizeieinsatzes und unter riesiger medialer Aufmerksamkeit bis Anfang Oktober erfolgte. Seit einem vorläufigen, gerichtlich angeordneten Rodungsstopp leben wieder viele Aktivisten in neuen Baumhäusern.

Viele offene Fragen

Braunkohle ist der klimaschädlichste aller Energieträger mit dem höchsten CO2-Ausstoß. Die teilweise veralteten Braunkohlekraftwerke haben einen schlechten Wirkungsgrad. 

Spätestens 2038, wenn Deutschland endgültig aus der Kohleverstromung ausgestiegen ist, sollen die Arbeiten am Braunkohletagebau abgeschlossen sein und mindestens dann stellt sich die Frage, was mit der riesigen Fläche weiter passiert. Es gibt interessante Vorschläge zur Flächennutzung, aber noch ist völlig unklar, ob die Ideen umsetzbar sind. Ziel ist es, das ehemalige Tagebaugebiet „wieder mit dem umliegenden Raum“ zu verbinden. Dazu muss im ersten Schritt das gigantische Loch gefüllt werden; da aber die Braunkohle abgebaut ist und dadurch Masse fehlt, kann es nicht wieder zugeschüttet werden. So steht die Idee im Raum, einen riesigen See anzulegen, doch auch hier gibt es große Hürden. Das Befüllen würde voraussichtlich mindestens 40 Jahre dauern und es muss geklärt werden, woher das Wasser genommen wird. Das Grundwasser ist jahrzehntelang auf über 400 Meter abgesenkt worden, um zu verhindern, dass die Grube unkontrolliert vollläuft und die Böschungen an Stabilität verlieren. Rhein und Rur sind als Wasserlieferanten angedacht, dafür wäre eine unterirdische Wassertrasse nötig, durch die nur so viel Wasser abgeleitet wird, dass die Schifffahrt nicht gefährdet ist.

Da die Bergbaubetriebe verpflichtet wurden, die Landschaft so wiederherzustellen, dass sie für Land- und Forstwirtschaft, Naturschutzgebiete und Industrie nutzbar wird, bieten sich die Flächen auch für Solar- und Windparks an. 

Nach gut vier Stunden war die Wanderung beendet und hat jede Menge Eindrücke und Fragen hinterlassen. Nun sind Politik, Gemeinden und die Bürger gefragt, die unterschiedlichen Ideen und Projekte bezüglich des Wandels und der damit verbundenen Neugestaltung sinnvoll zu koordinieren. 

Darüberhinaus geht es um die wichtige Frage, wie wir in NRW und in Deutschland unsere Klimaziele erreichen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Dafür spielt die Abschaltung der klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke eine wichtige Rolle.

 

 

(c) Fotos: Detlef Mergehenn

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